Religion als Lösung

ENTWURF …

Ich frage mich schon lange, warum reiche, gebildete, sozial kompetente Menschen (in Führungsetagen) teilweise so abstrus asoziale und umweltschädliche Entscheidungen treffen?

Entscheider in Politik und Wirtschaft haben meist von sich selbst das Bild, das sie gutes tun und beste Absichten vertreten. Überhaupt halte ich die meißten Menschen für „gutartig“, aber die Politik und gesellschaftliche Entwicklung führt zu Umweltzerstörung, Entfremdung, Polarisierung und selbst kriegerische Einsätze werden immer Salonfähiger. Dumme, jähzornige,  schwer Traumatisierte oder krankhaft dissoziale Personen schaffen es kaum in die Führungsetagen. Also, warum wird die Gesellchaft nur so wenig besser (oder gar schlechter)?

In jungen Jahren schien mir als Anarchist die Welt relativ klar in „gut“ (wir hier unten) und „böse“ (die da oben) gegliedert. Nach vielen Jahren Politaktivismus sind viele „revolutionäre“ Gedanken der 70er Jahre bis in Regierungskreise salongfähig geworden, aber ich habe das Gefühl, das sich bezüglich Herrschaftsverhältnisse und Machtverteiltung wenig (zum Guten) geändert hat.

Die realen Machtverhältnisse sind so, das wir als Anarchisten in unseren Einschätzungen oft Recht behalten haben, aber nur wenig hat sich in richtung Herrschaftsfreie Gesellschaft entwickelt. Im Gegenteil ist die soziale Scheere der Vermögensverteilung in den letzten 50 Jahren durchgängig zugunsten der Reichen weiter aufgezogen worden.

OK, zugegeben, ich sehe Herrschaft vor allem in den Händen der großen Vermögen konzentriert und vernachlässige bei dieser Sicht vielleicht die alltäglichen Leiden durch Sexismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt, Umweltschäden und viele weitere Ungerechtigkeiten. Für die folgenden Lösungsvorschläge spielt das aber kaum eine Rolle.

Anarchistische Vordenker haben gegenüber den Herrschaftsansprüchen der Kirchen zu recht eine klar Anti-Religiöse Haltung eingenommen. Der „Bärtige Mann auf der Wolke“ war die Vorlage für dogmatische, patriachale Herrschaftsansprüche.  Ich möchte heute für einen anarchistischen Umgang mit „Gottheiten“ plädieren. Gottesverehrung und Spiritualität kann Teil einer Lösung für viele persönliche und gesellschaftliche Probleme sein. Wie komme ich als Anarchist dazu?

Ich habe mich (wie viele andere auch) aus dem politischen Aktivismus jüngerer Jahre zurück gezogen, aber meine Ideale einer lebensfrohen und gewaltfreien Kultur behalten. Ich arbeite als psychotherapeutischer Heilpraktiker und Yoga- und Tantralehrer. Meine persönliche Hauptaufgabe sehe ich darin, Menschen auf ihrem Weg zu selbstbestimmter und erfüllender Sexualität zu helfen.

Schon als Jugendlicher habe ich Autoritäten nie über mich gestellt, sondern bin menschlich von Augenhöhe ausgegangen. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal dem Bürgermeister von Hamburg ein Flugblatt in die Hand gedrück habe und dann gleich dem nächsten Menschen.

Ich möchte einen Vorschlag für eine Sichtweise auf unsere Welt unterbreiten und diskutieren, der einige Probleme unserer Gesellschaft erklärt und bei der Lösung helfen kann.

  • Wir sind alle Gläubig
  • Wir sind alle Polytheistisch
  • Wir sollten einen interreligiösen Dialog führen.

Dazu möchte einige Detaisl ausführen.

Wir sind alle Gläubige

Ich lade dazu ein, diese Behauptung für dich ernsthaft zu prüfen. Ein aufgeklärt naturwissenschaftlicher Denkansatz würde dem widersprechen. Aber psychologische Forschung bestätigt immer wieder, das wir entsprechend eigener Glaubenssätze agieren. Wir Vertrauen dem einen und lehnen vielfach die andere Tatsachenbehauptung ab. Wir können gar nicht alles überprüfen. Einige Überprüfungen können wir bei gesundem Menschenverstand vertrauenswürdigen(wissenschaftlichen?) Institutionen überlassen. Aber spätestens bezüglich der Glaubenssätzen aus psychotherapeutisch wirksamen traumatischen Erfahrungen und Erziehungsmaximen unserer Kindheit, treffen anders lautende Vernunftentscheidungen auf erheblichen Widerstand. Es ist auch gut, zu glauben. Vertrauenswürdige Institutionen und Regeln machen das Leben leichter.

Ich plädiere hier für einen lockeren Begriff von Gottheiten. Im Yoga/Hinduismus gibt es „Brahman“ (das Absolute), aber da wir uns das nicht vorstellen können, haben Menschen persönliche Gottheiten (Ishvara). Diese sind teilweise Personifiziert, können aber auch abstrakter Natur sein. Gottheiten stehen aus meiner Sicht für Aspekte des Mensch seins. Vielfach werden mehrere Aspekte zu komplexen Gottheiten zusammen gefasst. Daraus entwickeln sich teilweise monotheistische Strömungen, die in einen Gött/Göttin alles hinein projezieren. Dann wird daraus oft wieder eine Gruppe aus mehreren Unteraspketen (Dreifaltigkeit …) gemacht. Aus der Perspektive einer abstrakten Beobachtung ist es vielleicht sinnvoll, jedem eigenen Glaubenssatz eine Gottheit zuzuordnen oder sie zu erfinden.

……

Personen, die sich mit Menschlichkeit auskennen, wie z.B. Jesus, Buddha, Mohamed, Lao-Tse, aber auch Humanisten der Moderne und viele andere, empfehlen eine Verehrungspraxis und Meditation (oder Gebet). Diese hilft, sich in ein größeres gesellschaftliches Gefüge einzuordnen. Innerer Frieden und sozialverträgliches Verhalten wird durch spirituelle Verehrungspraxis  gefördert.

 

Wir sind alle Polytheistisch

Wir glauben alle an mehrere Gottheiten. Wir haben verschiedene Glausbenssätze, Narrative und Objekte der Verehrung, und ich empfehle sich nicht damit zu identifizieren, sondern sie als Gottheiten außerhalb von uns zu ehren.

In der tantrisch/yogischen Kontext  ist es üblich, einen Altar für die persönliche spirituelle Praxis (Meditation) zu haben. Da stehen unsere Lieblingsgottheiten ganz vorne und die anderen etwas weiter hinten oder an der Seite.

Aus anarchistischer Sicht brauchen wir keine Angst vor autoritären Eigenschaften haben, da Gottheiten nur in unsere Köpfen existieren und keine Exekutive haben. Da, wo sich exekutive Macht dogmatisch auf Götter beruft, wird es schwierig.

Wir sollten einen interreligiösen Dialog führen

Für die Lösung anstehender gesellschaftlichen Probleme können wir uns einen Dialog zwischen verschiedenen Gottheiten Vorstellen und dann die beste Lösung nehmen.

Bei vielen gesellschaftlichen Problemen geht es ja nicht nur um eine sachliche Lösung, sondern darum, das sich viele Menschen mit ihren Ansichten (ihrem Ego) identifizieren und sachlich gute Lösungen verworfen werden, weil sich zu viele Egos dagegen wehren. Eine  stellvertretende Diskussion durch Gottheiten kann helfen, die Identifikation zu lockern. Meinen Teilnehmern und Klienten erkläre ich immer wieder das es gut ist, ein Ego zu “haben”, aber es nicht zu “sein”, sich also nicht mit seinen Rollen zu identifizieren.

Da wir viele Gottheiten verehren, kommt es auch nur zu einer Verschiebung der Ordnung auf unserem Altar, aber es gibt keine Totalausfälle.

Zum Beispiel können wir für die Segnungen des Mammon-Gottes danken, die uns viel materiellen Reichtumg gegeben haben, und ihn dann zur Seite stellen, weil aktuell die Verehrung von Natur-/Klima-/Mitgefühl-Gottheiten wichtiger ist.

 

Fazit

Für mich ist es ein Versuch, Frieden mit wohlmeinenden, reichen und mächtigen Personen zu finden, ohne mich ihrer Weltanschauung anzuschließen. Sie verehren nur „andere“ Gottheiten, und aus meiner Perspektive haben sie noch nicht mitbekommen, das diese Gottheiten (z.B. Geld/Mammon) in dieser Situation wenig zu bieten hat. Noch mehr Geld macht nicht glücklich. Die Verehrer des Geldes wissen das sogar meist, aber da ist noch das Problem mit dem Raubtierkäfig. Wenn wir sie einladen, auch polytheistisch zu denken sind Lösungen möglich.

 

… to be continued

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